Interview mit Martin Dickel

Im März 2017  führte Markus Luft dieses interessante Interview mit Martin Dickel, kurz nach dessen Sieg beim Norway Trail.

 

Hallo Martin.
Nochmals Glückwunsch zum Sieg im Norwaytrail. Eine super Leistung in dem vielleicht besten Fahrerfeld derzeit in Europa. Hast du und dein Team schon die verdiente Sommerpause eingeläutet?

Hallo Markus, vielen Dank! Eine richtige „Sommerpause“ mache ich überhaupt nicht. Aber die Zugarbeit habe ich tatsächlich vorerst abgeschlossen, allerdings schon mit der Schlussetappe des Norwaytrails. Die Junghunde für die kommende Saison konnte ich bereits zuvor einige mal auf Schnee antrainieren. Ich persönlich wechsele nach einer schönen und ausgiebigen Schneesaison nur ungern wieder auf den Wagen zurück. So fange ich lieber bald schon wieder mit dem Radfahren an und versuche in erster Linie die konditionelle Grundlage zu erhalten und eine geistige Frische zu erzeugen.

Du fährst seit einigen Jahren schon Top Ergebnisse beim Alpentrail bzw. Norwaytrail ein. Warum liegen Dir diese Rennformate(Etappenrennen) so besonders?

Ich denke, dass mir nicht nur dieses Rennformat liegt. Aber es ist schon so, dass ich bevorzugt Etappenrennen fahre, weil diese sehr hohe Ansprüche an die Hunde stellen und immer äußerst „lohnenswerte“ Ziele sind. Mir kommt es sicher zu Gute, dass ich neben einigen herausragenden Hunden, ein sehr gleichmäßig starkes Team habe und so über mehrere Etappen ohne nennenswerten Qualitätsverlust rotieren kann. Aber das ist bei einem „normalen“ 2-Tages-Rennen ebenso von Vorteil. Beim Etappenrennen kann man aber sehr gut auf die Stärken der Hunde eingehen und auch Junghunde gut ranführen.

Dein Vater ist zu mindestens den alten Hasen in der Szene bekannt. Wie bis Du selbst zum Schlittenhundesport gekommen?

Wir waren damals als Kinder immer bei Rennen dabei und häufig auch beim Trainieren. So war es nur eine Frage der Zeit bis wir den Zughundesport auch ausprobieren wollten. Meine Schwester bevorzugt auf Skiern und ich von Beginn an am Schlitten. Das ist jetzt etwa 15 Jahre her. Mein erstes Rennen war dann 2005 in der 4-Hunde-Klasse. Bis 2010 bin ich mit 4 oder 6 Hunden Sprint gefahren, d.h. wir hatten zwei „kleine“ Sprint-Teams. Mich hat es aber immer schon gereizt, längere Strecken und auch mit mehr Hunden zu fahren. Ab 2010 haben wir dann gemeinsam begonnen ein komplett neues Team aufzubauen, ausgerichtet auf Mitteldistanz-Rennen. Dabei hatte ich sicherlich das Glück, von Leuten lernen zu dürfen, die ihr Wissen vermitteln können und dies auch gerne tun. Und natürlich nicht zuletzt konnten wir dieses Team auf den – für unsere Bedürfnisse – besten Zuchtlinien aufbauen.

Du fährst mit „Hounds“ / Skandinavischen Schlittenhunden. Warum? Siehst Du bzw. wie siehst du die weitere Entwicklung in der Zucht dieser Hunde. Man hat den Anschein, als wenn die richtig guten Hunde mittlerweile fast alle einen ähnlichen Background haben.

Das „warum“ ist einfach beantwortet: Weil ich über meinen Vater damit begonnen habe und auch keinen Grund hatte, den Hundetyp zu wechseln. Wobei „Hounds“ bzw. skandinavische Schlittenhunde auch sehr unterschiedlich sind. Ich bin mit dem Stamm, den ich heute habe aber rundum zufrieden, was Leistungsfähigkeit, Alltagsfähigkeit, usw. betrifft. Wenn man auf die Etappenrennen schaut ist es natürlich schon auffällig, dass die Spitze um Heini und Tom A. mit der exakt gleichen Zuchtrichtung oder auch zB. Tom B. mit ähnlicher fährt. Wenn man also mit der Prämisse rangeht, nur mit den besten zu züchten wird es in Mitteleuropa schon schwierig etwas anderes zu machen. Am Interessantesten ist es sicherlich, wie sich die beiden besten skandinavischen Kennels, also Hege und Egil entwickeln. Gerade Egil zeigt, wie er seine zweifelsohne überaus erfolgreiche Zucht in kürzester Zeit auch hier in Europa wieder an die Spitze führt.

Thema Fütterung/Wässerung. Wie fütterst Du. Besonderheiten…

Ich versuche das möglichst einfach zu halten. Ich füttere hauptsächlich Fleisch von VOM mit einem kleinen Anteil Trockenfutter und Puffreis. Dazu kommen noch Vitamine und das ist die Grundlage für die Fütterung im gesamten Jahr. Zeitweise kommt noch Lachsöl und eine Grünlippmuschelpulver-Kur hinzu. Morgens gibt es dann nur einen kleinen Teil der täglichen Futterration mit viel Wasser und abends die Hauptmahlzeit. Wässern tue ich nur beim längeren Schneetraining und Rennen. Hier ändert sich natürlich auch der Fütterungsrythmus je nach Startzeit. Grob gesagt bei einem Start um die Mittagszeit: Ca. 4 Stunden vorher ¼ bis 1/3 der Futterration, 1.5 Stunden vorher nochmal etwa ½ Liter Wasser „mit Geschmack“, das Gleiche dann nochmal nach dem Lauf und später das restliche Futter.

Thema Training. Wie sieht Euer Training aus. Sommer , Herbst, Winter. Wie hoch sind die Kilometer auf „Dreck/Schnee“. Worauf legst du beim Training besonderen Wert? (z.B. Disziplin, Leistung o.ä.)

Auch aus dem Training mache ich keine „Wissenschaft“, sondern achte vor allem darauf, dass die Hunde mit Freude dabei sind. Die mentale Frische ist mir unglaublich wichtig. Im Sommer geh ich mit den Hunden radeln etwa 10-15 km, idR. dreimal wöchentlich. Ende September / Anfang Oktober fang ich mit dem Wagentraining an. Dabei richte ich mich aber rein nach dem Wetter. D.h trainiert wird nur wenn es trocken ist und maximal 7° hat. Da kommt es auch mal vor, dass eine ganze Woche Trainingspause ist. Meistens komm ich damit auf etwa 30 Trainingseinheiten am Wagen bis Anfang Dezember, wobei ich alle Hunde zusammen trainiere, was bei meiner Anzahl noch möglich ist. Beginnend bei 6km, steigere ich auf meine Hauptstrecke von 12km und streue einige Läufe mit bis zu 17km ein. Ab Anfang Dezember sind wir dann auf Schnee und bereiten das Team bis Januar auf Strecken bis 50 km vor

Thema Zucht. Züchtest du selbst? Wenn ja, wo nach suchst du die richtigen Hunde zur Zucht aus. Erzähl uns bitte etwas mehr von 2-3 Top Hunden aus deinem Team- gerne mit Foto!

Ich mache einen Wurf pro Jahr und das aus Eigenbedarf. Dabei behalte ich meistens 3 Welpen selber. Zum weiteren Vermehren „züchte“ ich nicht. Dazu habe ich keine Kapazitäten und (derzeit) auch kein Interesse. Deshalb vertraue ich da auch auf meine jetzige Zuchtlinie, weil ich hier noch nie einen Junghund hatte, der es überhaupt nicht gemacht hat. Mein absoluter „Superstar“ ist Boss aus Thunder & Blixtra. Er hat noch keinen km bei meinen Norwaytrail-Starts in Lead verpasst. Das dürfte schon genug über ihn aussagen. Wobei er im Alltag ein komplett unauffälliger Hund ist und auch relativ „klein“ ist, aber sehr „stabil“ gebaut. Aus den Nachkommen seiner Halbschwester Coco (Thunder & Puma) baut sich ein Großteil meines Teams auf. Wobei da sicher noch Janis (Coco & Wastl) und Jodie (Janis‘ Schwester Pink & Hubertus) hervorzuheben sind. Beide laufen ebenfalls bei Rennen in Lead und mit Jodie und Boss ist auch der nächste Wurf geplant, falls die Läufigkeit passt.

Wie siehst du die Entwicklung im Schlittenhundesport in Deutschland. Auf Vereins/Verbandsebene und im Leistungsvergleich mit den anderen Nationen. Was würdest du dir hier wünschen.

Der Verband hat es sicherlich sehr schwer alle Interessen unter einem Hut zu bringen und allen gerecht zu werden. Ich denke leistungstechnisch braucht sich Deutschland da nicht zu verstecken. Dem Schlittenhundesport in Deutschland macht natürlich vor allem die Schneesituation zu schaffen, aber da kann auch kein Verband etwas ändern. Im Bereich Canicross ist natürlich ein Problem, dass es schon fast ein „Modesport“ ist und von selbsternannten Experten viel Unwissen verbreitet wird. Aber da versucht der VDSV ja durchaus entgegenzusteuern. Prinzipiell denke ich, dass eine gesunde Sportart, bzw. ein gesunder Sport sowohl eine breite Basis, als auch eine deutliche Leistungsspitze braucht. Da kommt mir der Schlittenhundesport leider oft wie eine breite Masse vor mit zahlreichen „vermeintlichen“ Spitzen. Aber das liegt eher an der Selbsteinschätzung der Aktiven.

Was sind deine Ziele in den nächsten Jahren? Besteht der Wunsch einmal in Nordamerika zu starten?

Ein Start in Nordamerika bei den großen Rennen dort klingt zwar interessant aber ist momentan vollkommen unrealistisch. Es gibt ja auch überhaupt keinen Vergleich mehr derzeit, sodass die Szenen in Nordamerika und Europa wie zwei verschiedene Welten wirken, was sicher schade ist. Ich kann für mich nur mit Sicherheit sagen, dass meine Zukunft nur auf Schnee liegt und dass ich mich sehr gerne mit den Besten bei tollen Rennen messe. Dabei will ich auch weiterhin versuchen, das Optimum mit meinen Möglichkeiten rauszuholen.

Vielen Dank Martin. Dir und Deinem Team alles Gute!